Wenn sich der Staat immer mehr aus der Verantwortung zurückzieht, boomt der «Freie Markt der Unverantwortbarkeit
Auch die Peer-Arbeit?

Zwischen Erfahrung und Verantwortung
Beobachtungen aus Praxis und Biografie zur Entwicklung von Peer-Arbeit

Dieser Text ist kein fachlicher Beitrag im engeren Sinne. Er ist ein Versuch, eine persönliche Haltung zu formulieren – entstanden aus eigener Erfahrung, biografischem Hintergrund und meiner heutigen Praxis in der freiwilligen Peer-Arbeit.

Ich schreibe als Mensch mit einer langen Geschichte, begleitet von Melancholie, depressiven Episoden und Panikattacken, verbunden mit stationären Erfahrungen. Und ich schreibe als jemand, der heute Räume mitgestaltet: in einer Selbsthilfegruppe, in einem telefonischen Angebot für einsame Menschen und in Schreibgruppen – bewusst niedrigschwellig und ohne kommerzielle Absicht.

Aus dieser Perspektive erlebe ich Peer-Arbeit als etwas sehr Wertvolles. Sie ermöglicht Begegnung auf Augenhöhe und schafft Räume, die sich von therapeutischen Kontexten unterscheiden. Gerade darin liegt für mich ihre besondere Qualität.

Gleichzeitig nehme ich Entwicklungen wahr, die mich nachdenklich machen. Es entsteht ein wachsendes Feld, in dem sich Erfahrung, Fachsprache und auch ökonomische Interessen miteinander verbinden. Darin gibt es viele verantwortungsvolle Ansätze, wie auch Entwicklungen, die mich mit offenen Fragen zurücklassen. Mir geht es nicht um einzelne Beispiele, sondern um ein Spannungsfeld, das sich aus meiner Sicht in unterschiedlichen Zusammenhängen zeigt.

Was mich zunehmend beschäftigt, ist weniger die Existenz dieser Angebote als deren wachsende Unübersichtlichkeit. Mitunter habe ich den Eindruck, vor lauter unterschiedlichen Angeboten den Wald nicht mehr klar zu sehen.

Ein Aspekt, der mich dabei beschäftigt, ist die Frage, inwiefern Peer-Arbeit stellenweise auch Aufgaben mitträgt, die ursprünglich stärker im Bereich der öffentlichen Versorgung verortet waren. Diese vielleicht bewusste und gewollte Verschiebung entwickelt verschiedene Dynamiken. Gerade im Hinblick auf Verantwortung und Grenzen verdient die veränderte Situation eine differenzierte Aufmerksamkeit.

Was ich im Folgenden beschreibe, ist keine allgemeingültige Einschätzung, sondern das, was sich für mich in der Praxis als bedeutsam herauskristallisiert hat:

Erfahrung und ihre Grenzen
Eigene Krisenerfahrung kann Türen öffnen. Sie schafft Vertrauen und Resonanz. Gleichzeitig erlebe ich, dass sie nicht in jede Situation trägt. Besonders bei akuten und schweren Krisen, Lebensmüdigkeit oder suizidalen Entwicklungen wird für mich deutlich, wie wichtig es ist, Grenzen zu erkennen und andere Formen von Unterstützung einzubeziehen.

Sprache und Differenzierung
In Gesprächen zeigt sich immer wieder, wie unterschiedlich sich Zustände anfühlen können, die nach außen ähnlich benannt werden. Für mich ist es hilfreich, hier genau zu bleiben – nicht aus fachlichem Anspruch, sondern um dem Erleben des Gegenübers gerechter zu werden.

Rolle und Selbstverständnis
Ich erlebe es als entlastend, meine Rolle klar zu halten. Ich bin weder Therapeut noch Lehrer. Ich kann jedoch zuhören, moderieren und Räume öffnen. Und oft ist genau das ausreichend, um das Gefühl einer Selbstwirksamkeit wieder erwecken zu können. Diese Begrenzung meines Einflusses empfinde ich nicht als Mangel, sondern als Qualität.

Wo Rollen verschwimmen, entsteht aus meiner Sicht eher Unsicherheit als Unterstützung.

Ökonomie und Dynamik
Ich nehme wahr, dass Unterstützung zunehmend in Formen organisiert wird, die teilweise auch von marktähnlichen Logiken geprägt sind. Das betrachte ich mit einer gewissen Ambivalenz: Einerseits werden neue Zugänge geschaffen, andererseits kann die Tendenz entstehen, komplexe Zusammenhänge stärker zu vereinfachen oder zuzuspitzen, die der Komplexität psychischer Krisen nicht immer gerecht werden.

Begegnung auf Augenhöhe im Alter

Ein weiterer Aspekt, der mich beschäftigt, betrifft die Frage nach dem Alter. Peer-Arbeit scheint bislang vor allem in Kontexten präsent zu sein, die sich an jüngere oder mittelalte Menschen richten. Im Bereich der Alterspsychiatrie und der Unterstützung älterer Menschen tritt sie demgegenüber deutlich weniger in Erscheinung oder wird zumindest seltener als solche benannt.

Gleichzeitig verschiebt sich in diesen Lebensphasen der Fokus häufig stärker in Richtung Versorgung, Betreuung und medizinischer Zuständigkeiten. Das wirft für mich die Frage auf, welchen Platz erfahrungsbasierte Begegnung auf Augenhöhe im höheren Lebensalter einnimmt – und ob hier nicht Potenziale ungenutzt bleiben.

Gerade vor dem Hintergrund biografischer Tiefe und Lebenserfahrung erscheint mir dieser Aspekt bemerkenswert. Es entsteht der Eindruck, dass mit zunehmendem Alter weniger von gegenseitiger Unterstützung im Sinne von Peer-Arbeit ausgegangen wird und stattdessen andere Logiken in den Vordergrund treten. Auch dies gehört für mich zu den Spannungsfeldern, die es wert sind, genauer betrachtet zu werden.

Ich sehe meine Perspektive dabei selbst als begrenzt und geprägt durch meinen eigenen Weg und meinen Möglichkeiten. Gleichzeitig ist sie für mich ein Versuch, Verantwortung im Kleinen wahrzunehmen.

Was sich daraus ableitet, ist kein Anspruch an andere, sondern eine Orientierung für mein eigenes Handeln:

  • Klarheit über meine Rolle
  • Sorgfalt im Umgang mit Sprache
  • Aufmerksamkeit für Grenzen und Risiken
  • Bereitschaft zur Weiterverweisung
  • und eine Haltung, die nicht von ökonomischen Interessen getragen ist.

Peer-Arbeit erscheint mir dann besonders tragfähig, wenn sie ihre eigene Form ernst nimmt – nicht als Teil einer Therapie, sondern als eigenständiger und sicherer Raum von Begegnung, Erfahrung und Orientierung.

Aus meiner eigenen Geschichte weiß ich, wie schmal der Grat des Lebensweges sein kann. Und ich habe erlebt, wie viel es bedeuten kann, wenn jemand einfach da ist, zuhört und einen Raum offen hält – ohne mehr sein zu wollen, als er oder sie ist.

Vielleicht lässt sich meine Haltung so zusammenfassen:

Nicht die Ausweitung von Rollen schafft Qualität, sondern ihre Klarheit.

30. März 2026 / Markus Moser Burbulla / mmb


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