Ein Bekenntnis zur Demokratie im Zeitalter der Zumutungen
Weder bin ich ein Amtsträger noch ein Prominenter und auch kein Repräsentant irgendeiner Institution.
Als etwas Besonderes sehe ich mich nicht –
und genau deshalb schreibe ich.
Ich schreibe nicht, weil ich bedeutend bin –
ich schreibe, weil ich nicht schweigen will.
Das Schweigen und das Leise sein der Schweigenden, der Unbekannten, hilft nur denen, die laut und bekannt sind. Ich bin Teil dieser Gesellschaft und habe eine Stimme; ob sie gehört wird oder nicht, ist egal.
Und diese Gesellschaft steht an einem Punkt, an dem die Schweigenden ihre Stimme erheben müssen.
I. Demokratie ist unbequem – und deshalb notwendig
- Sie ist kein Versprechen auf Bequemlichkeit.
- Sie verlangt mehr als Zustimmung – sie verlangt Haltung.
- Sie ist nicht dazu da, mir alles zu geben, was mir gefällt.
- Sie ist dazu da, Verantwortung zu ermöglichen – und sie zu tragen.
- Sie ist manchmal langsam, streitbar und anstrengend.
- Sie ist die einzige Ordnung, die mir die Möglichkeit lässt, mitzuentscheiden – ohne Angst, ohne Zwang, ohne Loyalität zur Macht, in der Menschen frei und in Würde leben können – ohne dafür stark sein zu müssen.
II. Wer Demokratie relativiert, entzieht Menschen Schutz
Ich sehe, wie Begriffe verdreht werden:
„illiberale Demokratie“, „starke Führung“, „gesunder Menschenverstand“…
Und ich sehe, was dahintersteht:
Rechte in Privilegien zu verwandeln, Teilhabe zur Gnade zu machen und Macht gegen Schwäche zu wenden.
Ich widerspreche dem. Nicht aus Ideologie. Sondern weil ich weiss, was es heisst, verletzlich zu sein.
Und ich weiss: Wenn der Schutz für eine Gruppe fällt, fällt er für die nächsten, fällt er für alle.
Ich sehe:
- wie Minderheitenrechte verhandelbar gemacht werden;
- wie freie Kunst zur Zielscheibe wird;
- wie die Medien mundtot gemacht werden;
- wie Fakten verleugnet werden;
- wie Vertrauen lächerlich gemacht wird – von jenen, die es nie hatten.
- wie die Demokratie nicht überrollt, sondern ausgezehrt wird –
von Müdigkeit, von Gleichgültigkeit, von bequemem Rückzug.
III. Ich ziehe Grenzen und zeige Haltung
Ich weiss, dass ich die Welt nicht ändern kann und werde. Ich weiss jedoch auch:
Wenn ich nichts sage, lasse ich mit mir geschehen.
Ich denke nicht, dass ich Recht habe, jedoch dass die Demokratie dann zu atmen beginnt, wenn diejenigen aufstehen, die es nicht müssten.
Ich lehne Denkweisen ab, die ausgrenzen, hetzen, verachten.
Ich widerspreche Bewegungen, die Demokratie als Schwäche diffamieren.
Ich benenne Haltungen, die Menschen in „wir“ und „die anderen“ einteilen – mit dem Ziel, das „Wir“ als den einzigen Massstab zu setzen.
Ich agiere nicht mit Hass, sondern mit der Überzeugung, dass jede Gesellschaft den Mut braucht und hat, die Vielfalt zu schützen, damit sich die Einfalt nicht durchsetzen kann.
Ich bin überzeugt, dass eine Gemeinschaft, die nicht mehr bereit ist, die Schwächsten zu schützen, die Demokratie aufgegeben hat.
Ich stehe:
- für eine Gesellschaft, in der nicht die Macht, sondern die Menschlichkeit das Mass der Dinge ist;
- für freie Kultur, die sprechen darf, Kunst laut und schrill sein kann, Medien unbequem sind und Bürger*innen kritisch agieren;
- für eine Kultur, die streiten kann, ohne zu vernichten;
- für eine Ordnung, die Schwäche nicht bestraft, sondern schützt;
- für Minderheiten, die nicht um ihr Existenzrecht bitten müssen;
- für Behinderte, die nicht in ihrem Recht auf vollständige Teilhabe am öffentlichen Leben behindert werden;
- für einen Staat, der sich nicht als Dienstleister für Eliten versteht.
IV. Die Demokratie lebt durch die Kraft des Widerspruchs – nicht durch den blinden Gehorsam
Die Demokratie lebt von einer unbequemen und widersprüchlichen Kultur.
Was die Demokratie in den Untergang führt, ist der Drang nach Kontrolle, nach Reinheit, nach Ruhe und Gehorsam um jeden Preis.
Ich vertraue auf eine Kultur, die streiten kann, ohne zu vernichten und an eine Ordnung, die Schwäche nicht bestraft, sondern schützt.
V. Ich schreibe nicht, weil ich wichtig bin. Ich schreibe, weil ich nicht schweigen will.
Ich habe nicht den Anspruch dieses «Manifest» als Aufruf zu reklamieren, es ist auch kein «Rezept» – es ist einfach eine Stimme, die Werte noch als solche respektiert:
- an das Gemeinsame;
- an die Freiheit;
- an die Verantwortung, die wir einander schulden.
Ich bin vielleicht ein Niemand, doch frei.
Die Demokratie lebt jedoch genau von solchen Niemands.
Und ich denke, dass die freien Niemands sich zu Wort melden müssen, damit die Demokratie noch eine Chance hat.
Die Stille des Schweigens, werden andere mit ihrer Deutung füllen!
13. Juni 2025 / mmb
Nachwort: Zwischen innerer Haltung und öffentlichem Bekenntnis
Dieses Manifest ist kein religiöses oder spirituelles Zeugnis, sondern ein Ausdruck von Verantwortung in einer Zeit wachsender Zumutungen. Dennoch ist sein Ton und seine Richtung nicht zufällig gewählt. Die hier vertretene Haltung speist sich – neben westlich-demokratischer Prägung – auch aus einer persönlichen Nähe zur Lehre des Theravāda-Buddhismus.
Es ist eine Nähe, die sich weniger durch Bekenntnisse, als durch Haltung ausdrückt: In der Überzeugung, dass Freiheit mit Achtsamkeit beginnt. Dass jede Forderung nach Gerechtigkeit mit Selbstverantwortung verknüpft ist. Und dass Klarheit und Mitgefühl sich nicht widersprechen müssen, wenn man auf Gewalt verzichtet – in Wort wie in Tat.
Dieses Manifest erhebt nicht den Anspruch, buddhistisch zu sein. Doch es verdankt seine Form einer inneren Disziplin, die aus der Einsicht schöpft, dass Wandel nur Bestand hat, wenn er zugleich nach aussen wie nach innen getragen wird. Als Stimme unter vielen – aber mit Bewusstsein für das Ganze.
Epilog: Die beste aller Welten?
Wenn das die beste aller Welten sein soll,
dann wage ich mir nicht vorzustellen, wie andere sein würden –
wenn heute Regierungen die eigene Bevölkerung mit dem Militär bekämpfen,
andere Städte und zivile Menschen bombardieren lässt,
die Umwelt zugunsten eigener Gewinne zerstört
und die Schwächsten der Gesellschaft für die Starken zahlen lässt.
15. Juni 2025 / mmb
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