Das wichtige Buch

Anlässlich eines zoom-Meetings habe ich mich, nach einem Hinweis auf die sichtbare «Bücherwand» hinter mir, hinreissen lassen zu erwähnen, dass in unserem Heim mehrere tausend Bücher vorhanden sind. Dass diese nicht kleine «Bibliothek» vielleicht zu Irritationen Anlass geben kann, ist nicht auszuschliessen. Wenn jedoch berücksichtigt wird, dass ich mit einer Geisteswissenschaftlerin (Kunst-Kultur-Architektur-Geschichte-Philosophie) verheiratet bin und mich in meinen nun 67 Jahren immer noch als wissens- wie lesefreudigen Menschen wahrnehme, wird die Büchersammlung vielleicht eher erklärbar. Hätten wir nicht schon mit zum Teil «schweren Herzen» bereits viele Bücher weitergegeben, wäre der Bestand noch grösser. Die Vernichtung von Büchern können weder meine Frau noch ich verantworten und viele sind uns einfach zu wichtig, nicht nur inhaltlich, als dass wir uns von ihnen trennen möchten.

Von einem Meetingteilnehmenden wurde ich gefragt, welche 3 Bücher aus unserer Sammlung ich denn als unbedingt lesenswert erachten würde. Ich war von der Frage etwas überrascht und konnte dazu keine Antwort geben, habe mich jedoch dahingehend geäussert, dass ich mir dazu Gedanken machen würde. 

Nun, ich kann die Frage so nicht beantworten. Unsere Büchersammlung ist thematisch relativ breit gefächert, auch unsere Wissensinteressen wie Themen- und Fachgebiete. Zum Beispiel: ist die Bauentwurfslehre von Neufert wichtiger als sich mit den Bauphilosophien von Bauhaus oder Frank Lloyd Wright auseinanderzusetzen, ist Platon lesenswichtiger als Hegel, Arendt oder Sartre, sollte ich eher Das Kapital von Marx lesen oder doch Oekonomie für Dummies, wie können die Werke von Michelangelo, Tizian oder Picasso von deren Wichtigkeit in Bildbändern gegenüber gestellt werden, wie könnte ich die christliche Religion als wahr glauben ohne den Koran oder die Lehre Buddhas zu kennen, ist nun Manns Buddenbroocks seinem Zauberberg vorzuziehen oder ist doch Hesses Steppenwolf wichtiger, oder vielleicht doch eher Herr der Ringe von Tolkien? Warum sollte das Lesen eines Reiseführers vor dem Bereisen eines mir unbekannten Erdteiles nicht unbedingt wichtig sein? …

Es stellt sich mir dann die Frage, ob ich ein «wichtiges» Buch nicht erst erkennen kann, wenn ich «unwichtige» gelesen habe, so dass sich mir dann die Grundsatzfrage aufwirft, ist nun das «Unwichtige» wichtiger, damit ich das «Wichtige» vom «Unwichtigen» trennen kann? Ich denke, dass auch Erkenntnis eine Abfolge von Bedingtheit, Relativierung und Abhängigkeiten von Dingen ist – ohne jenes, dieses nicht sein kann und dies nicht ist, wenn jenes nicht ist – wie dies im Buddhismus als Bedingte Entstehung wahrgenommen wird. Was wäre in meinem Geist (nicht?) entstanden, wenn ich den Struwelpeter oder Tom Sawyer und Huckleberry Finn von Mark Twain nicht gelesen, ja verschlungen hätte?

Ein weiterer Grund der Vielzahl an Büchern in unserer Nähe ist, dass wir doch immer wieder nach diesem oder jenem Text greifen, wenn wir uns zu einem Thema unterhalten, uns über dieses oder jenes Gedanken machen, einen Text verfassen oder uns auf ein Gespräch bzw. eine thematische Diskussion vorbereiten. Es ist nicht immer einfach und zeitnah möglich, sich über externe Bibliotheken das nötige Wissen zu beschaffen, was jedoch, insbesondere von meiner Frau, eine Dauerbeschäftigung bleiben wird und ich dieses oder jenes Werk ebenfalls durchblättere.

Und ja, wir «lieben» einfach Bücher und jedes ist uns wichtig, wie dies sicher auch von deren Verfassenden sein wird.

14.11.2023 / mmb


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