Machtabhängigkeit – Empowerment

Nach meiner letzten schweren depressiven Episode und neuem mehrmonatigem Klinikaufenthalt, begann 2019 anschliessend wiederum ein neuer Lebensabschnitt und ein langer Weg von der Isolation zurück in ein soziales Leben. Dabei habe ich mir in vielen Gesprächen, Erfahrungen und durch noch mehr Wissenszuführung, Gedanken auch über mein Leben machen können. Weiter konnte ich durch mein jahrzehntelanges depressives Leiden mit verschiedenen Therapeutinnen und Therapeuten wie Therapien Bekanntschaften schliessen, wovon eine bis heute mit meinem Psychiater noch alle 2 Wochen im Terminkalender eingetragen ist.

Nach Michel Foucault ist die Macht an sich nicht das eigentliche Problem, sondern wie diese über andere ausgeübt wird, wie diese auf ein oder mehrere handelnde Subjekte und auf deren Handeln einwirkt. Macht ist allgegenwärtig und ein Element jeder menschlichen Beziehung. Wie Foucault treffend erkannt hat, ist eine Machtbeziehung an sich weder schlecht noch gut, kann aber gefährlich werden und es muss auf jeder Stufe überlegt werden, wie ihre Gewalt am besten kanalisiert werden kann.

Machtanwendung wie Gewalt kann auch aufgrund der sogenannt gesunden Normalität stattfinden. «… Die westliche Zivilisation hat quasi das Freisein von körperlichem oder geistigem Leiden zu einem Götzen erhoben. Die Wunder der modernen Medizin haben die Menschen überzeugt, dass Heilung die Ursache von Gesundheit ist…» (Hayes, Strohsal, Kelly, Akzeptanz und Commitment-Therapie). 

Bei der Entstehung psychischer Störungen wird in der Praxis heute das «bio-psycho-soziale-Modell» weitgehend akzeptiert. Daher ist m.E. bei einer Depression die primäre Konzentration der Behandlungsansätze auf eine Syndromreduktion eher wenig erfolgversprechend, wenn im Sinne einer positiven Psychologie nicht meine psychische Flexibilität, mein Netzwerk und mich als Individuum mit einbezogen wird und sich keine Verbesserung oder Änderung in meinen sozialen Funktionen und Aktivitäten wie meiner allgemeinen Lebensqualität einstellt (Hayes, Strohsal, Kelly). Die noch immer weit verbreitete und nicht immer adäquate Verabreichung von Antidepressiva, insbesondere bei «schwachen/mittleren» Depressionsverläufen, kann auch als Machtausübung in Betracht gezogen werden. Ich will mich nicht für eine grundsätzliche Ablehnung von Antidepressiva positionieren, war ich doch mit meinen schweren depressiven Episoden dankbar, dass es solche Mittel gab, sondern für eine kritische Abwägung, ob und wann es tatsächlich notwendig und angebracht ist, mit Psychopharma zu intervenieren.

Hayes, Strohsal, Kelly stellen u.a. fest: «Der Mainstream der empirischen klinischen Psychologie betont oft die Notwendigkeit der Veränderung des Selbstkonzeptes, weil sich Menschen mit psychischen Problemen oft selbst streng beurteilen. Leider können solche Interventionen zu schwachen oder kontraproduktiven Ergebnissen führen. Tatsächlich zeigen Auswertungen der Fachliteratur, dass die bewusste Förderung eines positiven Selbstbildes durch therapeutische Intervention oder Lernprogramme genauso häufig zu ungesundem Narzissmus wie zu einer Verbesserung der Störung führt. Es ist bittere Ironie, dass bewusste Selbstbestätigung sich nur für jene als hilfreich erweist, die bereits ein starkes Selbstwertgefühl haben. Wenn sie unbedacht von jenen eingesetzt wird, die sie am meisten brauchen, sind positiv Selbstaussagen (z.B. Ich bin liebenswert) geradezu schädlich.» Und wenn ich so beim Macht-Personal in der Politik, den Führungsetagen in der Wirtschaft, im Finanzwesen, im eigenen nahen wie weiteren Umfeld und in den Social Media herumschaue, dann meine ich doch eine nicht unerhebliche Ansammlung von ungesundem wie schädlichem Narzissmus feststellen zu können; Tendenz zunehmend wie auch die Psycho-Therapien und Lernprogramme für eine Persönlichkeitsveränderung oder Stärkung der Resilienz.

Bestimmt ist auch eine freiwillige «Unterwerfung» an eine Macht nicht ausgeschlossen. Ich wage jedoch stark zu bezweifeln, ob bei anderen depressiv leidenden Menschen die notwendigen kognitiven Voraussetzungen für eine freiwillige «Unterwerfung» tatsächlich vorhanden sind. 

Und nicht zu unterschätzen ist die Macht unseres Verstandes, der nun mal nicht immer unser Freund ist. Wenn ich die Macht meines Verstandes betrachte, wie er sich im Auto-Modus eine Vormacht aneignet, mich in ein getriebenes Tun hineindrängt, zum blinden Aktionismus im Verbund mit meinen Gefühlen, Emotionen und Gedanken führt und mich zum nichtendenden Grübeln verführt (Teasdale, Williams & Segal, Die Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie der Depression), dann fühle ich mich jeweils meiner inneren Macht ausgeliefert.

Was kann unter Empowerment verstanden werden? Wörtlich übersetzt: Selbstbemächtigung; Selbstbefähigung; Stärkung von Eigenmacht und Autonomie

Empowerment als Selbstbemächtigung problembetroffener Personen
Definitionen in diesem ersten Wortsinn betonen die aktive Aneignung von Macht, Kraft, Ge­staltungsvermögen durch die von Machtlosigkeit und Ohn­macht Betroffe­nen selbst. Empowerment wird hier als ein Prozess der Selbst-Be­mächtigung und der Selbst-Aneig­nung von Lebenskräften be­schrieben: Men­schen verlassen das Ge­häuse der Abhängigkeit und der Be­vormundung. Sie be­freien sich in eigener Kraft aus einer Position der Ohnmacht und wer­den zu aktiv han­delnden Akteu­ren, die ein Mehr an Selbstbestim­mung, Autonomie und Lebens­regie er­streiten. Empowerment be­zeichnet hier also einen selbstinitiierten und ei­genge­steuer­ten Pro­zess der (Wieder-)Her­stellung von Selbstbestimmung in der Gestal­tung des ei­genen Le­bens. Diese Definition betont somit den Aspekt der Selbsthilfe und der aktiven Selbstor­ganisa­tion der Betrof­fenen. Sie fin­det sich vor allem im Kontext von Projekten und In­itiativen, die in der Tradition der Bürgerrechtsbewegung und der Selbst­hilfe-Bewe­gung stehen. (Empowerment.de
)

Meine wichtigsten Inhalte zu Empowerment:

Empowerment beinhaltet u.a., dass ich mich von möglichen äusseren wie inneren Machteinflüssen schützen und befreien kann. So kann ich z.B. gegenüber Dritten wieder besser meine Bedürfnisse bestimmen und mich dafür einsetzen, wieder der Achtsamkeit und der Meditation zuwenden, nachdem der geistige Zugang zum grössten Teil zugeschüttet war. Auch wenn man Empowerment als eine Form von Macht betrachten kann, wird dadurch jedoch meine Eigenverantwortung, meine Selbstermächtigung und mein Selbstbewusstsein gestärkt wie die Kompetenz zur Selbsthilfe verbessert, so dass meine Autonomie und Unabhängigkeit gefördert werden.  

Empowerment ermöglicht mir die Wiederherstel­lung von Selbst­bestim­mung über die Um­stände meines eigenen Lebens sowie die Emanzipation von institutionellen oder wirtschaftsinteressierten «Optimierer» meiner vermeintlich nicht der Normalität entsprechenden Psyche. Die teilweise sprachliche Ohnmacht und das Wegducken haben sich zugunsten einer eigenen Sprache und eines aufrechten Ganges mit offenem Blick gewandelt.

Empowerment beinhaltet auch mein kritisches Denken, Hinterfragen von «Wahrheiten», achtsames Gewahrsein, im Hier und Jetzt sein, ohne dabei auf antizipatorische Fragen und Dialoge zu verzichten, die Gedanken und Emotionen als Gedanken und Emotionen und nicht als Realität wahrnehmen, akzeptieren, statt zu kontrollieren und verdrängen … statt sich gut zu fühlen eventuell mehr gut zu fühlen, akzeptieren und fühlen, auch wenn ich mich nicht gut fühle, es mir nicht gut geht = es ist wie es jetzt gerade ist und nicht verdrängen, was eben vermeintlich nicht gut ist.

Empowerment nimmt mir auch die Unsicherheit und die Angst des Versagens, dass ich heute dies oder jenes noch nicht kann, und die Gewissheit, dass der morgige Tag mir neue Erfahrungen bringen wird. Der Mut zur Lücke ist gewachsen und es ist auch mal gut, um etwas loszulassen, damit sich Neues ergeben kann. 

Empowerment hilft mir auch, Kritik als Kritik und nicht als Bewertung meiner Person oder Persönlichkeit zu werten. Kritik auch dankbar als Unterstützung und anderen Standpunkt oder Blickwinkel anzunehmen und zu reflektieren.

Empowerment ist auch, dass ich rede und gehört werde, anderen zuhören, wie ich selbst anderen zuhöre (Seikkula & Arnkil, Offener Dialog). Ich habe wieder eine «Stimme».

Empowerment bietet mir auch einen gewissen Spielraum, unter Belastung weiterhin einen lebenswerten Alltag zu gestalten. Wenn es mir mal nicht gut geht, dies als vorübergehenden geistigen Zustand wahrnehmen, um vielleicht die herausforderndsten und belastetsten Aufgaben etwas zurückzustellen.

Empowerment ist ein Miteinander auf Augenhöhe. Es bietet mir die Möglichkeit meine Interessen, Ansichten, Meinungen, Argumente usw. adäquat vorzubringen und zu verteidigen.

Empowerment ist für mich kein Konzept, sondern eine Denkweise und eine Wertehaltung.

Last but not least … Empowerment ist für mich auch ein Verlassen der Komfortzone. Ich übernehme wieder die Verantwortung über mein Leben, verlasse den vorgegebenen Weg, um meine eigene Spur zu hinterlassen.

16.08.2023 / mmb


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