Aussteigen

Bruno und Michael, zwei sportliche Mittdreissiger, die erfolgreichen Geschäftsmänner repräsentierend, sitzen im rustikalen Zug, der so alle 10 – 15 Minuten vor jedem grösseren Misthaufen anhält.

«Bin extra früher dran, weil ich noch den Start von Wallstreet beobachten muss, du weisst ja», feixt Bruno zu Michael und tippt weiter auf seinem Laptop herum. «Aha», meint dieser nur und schaut aus dem Fenster den ein- und aussteigenden Menschen zu.

Plötzlich springt Bruno von der hölzernen Sitzbank auf, zieht seinen Trolley darunter hervor und rennt zum Ausgang. «Wir müssen hier raus!» schreit er noch und springt, in der rechten Hand den Trolley, Laptop in der linken, hinaus – Rumms.

Irritiert schaut Michael zur leeren Türe, der Zug ruckelt und nimmt wieder Fahrt auf, ein Blick durchs Fenster, das sich nicht öffnen lässt, ein Blick auf seine edle Patek Phillipe, die an seinem Handgelenk förmlich nach Aufmerksamkeit schreit. «Shit, es war tatsächlich die Station, wo wir auf den Bus hätten umsteigen müssen», denkt er. «Was soll’s, es ist wie es ist. Beim nächsten Halt steige ich aus und warte auf das Bähnli das mich zurückbringt. Alles easy.»

Zwei Stunden später als geplant kommt Michael im schlossähnlichen Seminarhotel an, das inmitten einer prachtvollen Parkanlage am Ufer eines kleinen Sees und dem warmen, dem Abend zugewandten Sonnenlicht residiert, und stellt sich in die Reihe der eincheckenden Gäste. Ein kurzer Kontrollblick auf die grosse Wanduhr über dem Eingang. «Immer noch 50 Minuten bis zum Beginn des Achtsamkeitsweekend», konstatiert Michael. 10 Minuten später steht er an der Rezeption aus dunklem Mahagoni, erledigt die Formalitäten und fragt nebenbei, ob Bruno bereits da sei. «Leider habe er unten bei der Bahnstation einen Unfall erlitten und musste mit der REGA ins Spital geflogen werden. Genaueres wisse sie auch nicht», berichtet die junge Hotelangestellte freundlich und wendet sich der nächsten Besucherin zu.

Einige Monate später in der Rehaklinik. Bruno darf jetzt schon allein im Rollstuhl ins mit Pflanzen begrünte Atrium der Klinik fahren, nachdem er seine morgendlichen Therapien und Übungen durchgeführt hat in der Hoffnung, dass er irgendwann vielleicht wieder seine Beine fühlen kann. Michael drückt Bruno beim Abschied die Hand: «Wir sehen uns wieder und ich werde dich begleiten, wenn du es möchtest», sagt Michael und schaut Bruno dabei fest und tief in die Augen. Bruno erwidert den Blick wie den Händedruck und sagt leise: «Ich habe jetzt genügend Zeit, um Achtsamkeit zu üben, neue Wege mit Geduld und Demut zu erforschen und die Menschlichkeit zu erfahren. Der Ausstieg aus dem Zug hat mich auf einen sehr langen Weg geführt. Du und ich haben nicht mehr dieselben Geschwindigkeiten in unserem Leben und ich würde mich sehr freuen, wenn wir ab und zu unsere Reisen unterbrechen, gemeinsam einen Kaffee trinken könnten, eine kurze Rast einlegen und einfach nur sein.»

Michael geht gedankenverloren zurück auf den Parkplatz, wo sein neuer schwarzer Porsche Cayenne steht. Er setzt sich hinters Lenkrad und sitzt einfach nur da. Nach 10 oder 15 Minuten, wer weiss das schon genau, wählt er die Handynummer seines Chefs – Anrufbeantworter: «Hallo Chris. Ich brauche eine längere Auszeit, melde mich am Montag bei dir, um das Weitere zu besprechen. Sollte dies nicht möglich sein, hast du meine Kündigung auf dem Tisch. Bis am Montag, Tschüss.» Dann steigt er aus seinem Prestigegefährt und geht.

Währendem hat Bruno mit den Händen das kühle Metall an seinem Rollstuhl gefühlt, den Stimmen gelauscht, das Geklapper des Geschirrs wahrgenommen und in die dunkel werdende Winterlandschaft hinausgeschaut. «Das Skifahren lassen wir auch mal sein», murmelte er vor sich. Aus dem Augenwinkel nimmt er einen Mann wahr, der den schwach beleuchteten, verschneiten Weg hinaufkommt, die Hände unter die Achseln gedrückt, den Mantelkragen hochgeschlagen.

«Michael, hast du was vergessen?» fragt Bruno, als sich dieser ihm mit ernster Miene nähert.

24.10.2022 / mmb


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