Mit geschlossenen Augen in die Ferne schauend, sitzt er da, seinem Geist freien Lauf gewährt. Und dann beginnt er dem Wind, der sich in seinen grauen Haaren hingelegt hat, zu erzählen an:
«Vom Erwachen weit entfernt, den Schlaf noch nicht gefunden. Spät in der Nacht oder früh am Tag? Ende oder Anfang – ein ewiger Kreislauf von Entstehen und Vergehen. Alles beginnt im Geist und endet … wo? Die Zeit der Mitternachtsgedanken.
Der Alltag hat sich in die vertraute Stille zurückgezogen. Nichts verbreitet weder Wärme noch Kälte. Vom Dunkellicht farbbefreit erleuchtet, in einem bodenlosen Reich, wo kein Tritt je Halt findet, wo Schatten wie fliehende Gedanken entstehen, vergehen, oder aufgelöst im Irgendwo verweilen, wo Raum und Zeit nicht existiert, verweile ich auf unsichtbaren Wegen, spurlos suchend in der Zwischenwelt.
Kein Held stirbt heroisch im Kampf gegen das Unrecht, kein schrecklicher Dämon steigt aus der Unterwelt empor, kein Drache fliegt mit einer schönen jungen Frau auf dem Rücken weite Kreise am Himmel, kein Avatar transzendiert in eine traumhafte Galaxie, kein edler Elb beschützt die Menschen gegen Orks, kein versunkenes Atlantis erhebt sich aus den Meeren – Fantasiewelten finden sich in Büchern. In der Zwischenwelt meines Geistes entstehen und vergehen Gedanken und Fragen, die vielmals ein unbeantwortetes Warum oder ein wiederholendes Wieso beinhalten. Und manchmal ist in der Ferne oder Nähe, wer kann dies so genau festhalten im fahlen Licht der Dunkelheit, wo kein Schatten entsteht, wo sich Schwarz und Weiss in ein vielschichtiges Grau vermischen, ein einsames Fährschiff zu erahnen, dass am Fluss festgebunden wartet, das andere Ufer hinter einer schwarzen Nebelwand verhüllt. Doch heute ich trage keine zwei Münzen auf mir.
In einer Fülle von Leere ist nicht zu fassen, nicht zu erklären, nicht zu beschreiben, was nicht ist – zu fühlen, dass etwas ist; nur was es ist und wo es ist, weiss ich nicht.»
Still sitzt er da, ein Schatten im Widerlicht der Mondnacht, in Zweisamkeit mit dem ruhenden Wind, der da lautlos flüstert: «Und wo bist du?»
«Nirgends und überall, wie du», antwortet er, «doch ich seh, erfahr, erkenn mich nicht, ich kann mich fühlen, wie dich, wenn du bist. Wer bin ich? Weisst du es?». Der Wind bleibt still, ist Teil von ihm wie er Teil des Windes ist, Geschwister wie auch Vater und Mutter im unendlichen Sein und Nichtsein.
Die Melancholie, eine schaurig-schöne Sinfonie von Schwere und Leichtigkeit, unterlegt mit einer betörenden Süsse und einer brennenden Sehnsucht, zieht ihn sanft … wohin? Den vorgegebenen Weg verlassen, eine eigene Spur ziehen, die geistige Freiheit annehmen, die Absurdität des Lebens erkennen und diesem einen Sinn geben? Wer kennt die Antwort, wer die Wahrheit? Er wird sie selbst suchen und dann auch finden, wenn es soweit sein wird.
Im Osten meldet sich ein neuer Tag mit einem scheuen Licht am Horizont an. Die Fähre kann noch warten, er kann die Münzen noch gut für seine Suche nach Antworten gebrauchen. Und die Mitternachtsgedanken in der Zwischenwelt sind auch in Ordnung. Hmm, eine gut gefüllte Tasse eines schmackhaften, heissen Kaffees wäre jetzt auch ganz gut.
Er steht auf und geht zusammen mit und im Wind … wohin? Zuerst einmal zur Kaffeemaschine, streichelt unterwegs die beiden Katzen, die schon erwartungsvoll auf ihr Frühstück hoffen, und selbstverständlich noch vor der ersten Tasse Kaffee dieses auch erhalten werden … und alles weitere wird er erfahren, wie sich selbst auch, irgendwann, irgendwo, irgendwie, ob er es nun will oder nicht.
Alles beginnt im Geist wie das Heute mein gestriges Tun oder Nichttun mitgestaltet hat.
15.10.2022 / mmb
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