
Ein Bild ist so gut wie der Künstler oder die Künstlerin dieses betrachtet. Für jeden Künstler und jede Künstlerin geht ein Prozess voraus, bis ist das Bild fertig, der Pinsel abgelegt das Werk wohlwollend betrachtet und der Prozess abgeschlossen werden kann. Und trotzdem wird es Kritiker geben, auch der eigene, die am Bild dieses oder jenes finden werden, das besser gemacht hätte werden können.
Ein junger, sonnengebräunter Fischer sitzt auf seinem im Hafen verankertem Boot, ein Glas Rotwein neben sich und schaut entspannt und friedlich den kreischenden Möwen zu. Ein älterer, elegant gekleideter und gut situierter Mann tritt heran und fragt den Fischer:
„He Mann, warum bist du mit deinem Kutter hier vor Anker und nicht draussen mit deinen Kollegen am Fischen? Wenn du fleissiger wärst, könntest du bald ein zweites Boot anschaffen und noch mehr fischen. Und irgendwann hättest du dann eine Flotte die für dich arbeiten würde, so dass du das Leben geniessen könntest, so wie ich jetzt.“
Der Fischer schaut den älteren Mann etwas gelangweilt an und raunzt, nachdem er genüsslich einen Schluck aus dem Glas gekostet und sich gestreckt hat:
„Das was du erst im Alter tust, mache ich schon jetzt.“
Ein kleines Mädchen hebt die nach der Ebbe am Strand liegen gebliebenen Meeresbewohner einzeln auf und bringt sie zurück ins Meer. Eine Frau schaut eine Weile zu und spricht dann das Mädchen an:
„Hallo Kleines. Warum tust du das? Sieh doch, der ganze Strand ist voll von diesen Tieren. Im Meer hat es noch unzählige davon. Ob du da einige wieder zurück ins Meer trägst, ändert doch nichts daran!“
Das Mädchen unterbricht ihr Tun nicht und erwidert, über die Schulter blickend:
„Ja, leider kann ich alleine nicht alle zurück gebliebenen Tiere zurück ins Meer bringen. Aber jedes einzelne Tier, das ich zurück ins Meer trage, kann weiterleben. Das ist das, was ich tun kann.“
Der Doktorand schreibt an seiner Promotion. Immer wieder kommt ihm ein neuer Gedanke, eine neue These in den Sinn. Statt eines klaren, logischen und stetig fliessenden Text, eines harmonischen Flusslaufes, bilden sich nun Ablagerungen und Tümpel von stehendem Wasser. Der Doktorand ist am verzweifeln und steht kurz vor dem Verpassen des Abgabetermins. Sein Doktorvater ermuntert ihn zum Mut zur Lücke und sich auf das Wesentliche zu fokussieren.
- Was ist „Gut genug“? Wer entscheidet was gut genug ist? Darf und kann ICH entscheiden was gut genug ist?
- „Mut zur Lücke“ … und wie gross darf die Lücke sein?
Ich verstehe die Redewendung „Gut genug“, aber sie kommt bei mir nicht an, ich fühle sie nicht. Warum kann ich dies für mich nicht annehmen, trotzdem mir die Tendenz zu Perfektionismus, – gut ist nicht gut genug – Probleme und keine Glücksmomente, jedoch Überlastung, Zusammenbruch und in tiefe Depressionen gebracht und mich in eine teilweise soziale Isolation geführt hat?
Die Vorgabe „Gut genug“ erachte ich weiterhin als etwas für Privilegierte, oder als Kränkung für psychisch oder somatisch eingeschränkte Menschen, und für mich daher nicht gültig. Auch würde ich alles Lebende, das täglich um sein eigenes Überleben kämpfen muss, aus meinem Denken, aus meinem Verständnis von Altruismus ausschliessen, jede Entwicklung und jede Innovation, die gesamte Evolution als inexistent betrachten. Für mich persönlich muss jedes Resultat, jede erledigte Aufgabe, jede Tätigkeit, also jedes Tun bestens sein, im Wissen, dass alles noch ergänzt oder verbessert werden kann. Ansonsten würde ich nicht mein Bestes geben, was aus meiner Sichtweise nicht der Sinn eines Tuns sein kann. Ein Abschluss oder ein Schlussresultat bereitet mir sicher eine Art Genugtuung, weil eine Aufgabe erledigt ist und etwas Neues begonnen werden kann. Ein Hochgefühl oder Stolz entsteht jedoch nicht, da es für mich immer klar ist, dass Alles anders gemacht, betrachtet oder gewertet werden kann sowie mit Fehlern, Mängeln u.d. behaftet ist und daher immer noch besser gemacht werden kann. Und daher ist der Begriff „Gut genug“ für mich einfach nicht vorstellbar bzw. ist negativ belegt, indem ich mich zu früh mit etwas zufriedengeben würde. Dass ich etwas als „Fertig“ abschliesse hat damit zu tun, weil z.B. ein Termin zu erfüllen ist, ein Auftrag zu erledigen ist oder weil ich einfach etwas anderes tun muss oder will.
Es ist wie es ist. Mit dabei bleibt immer die Unsicherheit bzw. die Gewissheit nicht zu genügen, es ist nicht gut, es geht noch besser.
Jetzt kann man einwerfen, dass ich ja auch etwas exklusiv für mich mache und das nur für mich von Bedeutung ist. Das wage ich schlichtweg zu bezweifeln: z.B. ein einziger Flügelschlag eines Schmetterlings kann einen Orkan auf der anderen Seite unseres Planeten auslösen oder ein Bild wird irgendwann von jemand anderem begutachtet. Nicht einmal nichts Tun ist wirkungslos, sondern hat eine Wirkung auf das Umfeld, die Umwelt.
„Mut zur Lücke“ wie „Gut genug“ braucht Selbstbewusstsein und Bereitschaft dafür, dass nicht alles geschafft und erreicht werden muss. Oder wie mich eine Psychologin einmal ganz offen und ungeschminkt gefragt hat: „Sind Sie Gott?“.
Nein, weder bin ich ein Gott noch irgendwie göttlich. Und trotzdem bereitet mir allein schon der Gedanke, dass ich etwas in der jeweiligen Situation bewusst und vorsätzlich unterlassen oder nicht tun soll, Schmerzen, Unwohlsein und ein schlechtes Gewissen – ein Gefühl des Versagens. Die Abwägung, ob ein Unterlassen eine Gebotsverletzung ist oder „Mut zur Lücke“, ist für mich eine kaum überwindbare Hürde und hinterlässt, bei einem vorsätzlichen oder nachträglich festgestellten Unterlassen, ein Schuldgefühl, nicht alles getan zu haben was mir möglich gewesen wäre. Wenn immer irgendwie möglich, versuche ich eine festgestellte Unterlassung umgehend zu beheben, vielmals mit zusätzlichem Aufwand. Und wie nicht gänzlich unbekannt, ist die Überwindung von Hürden und Mehraufwand mit einer zusätzlichen Anstrengung verbunden – eine stetig wachsende und vielschichtige Überforderung nimmt zerstörerisch Fahrt auf.
Einer meiner Glaubenssätze lautet:
Als Mensch schaue ich, dass es meinem Umfeld gut geht, so geht es auch mir gut.
Grundsätzlich ist dieser ja nicht falsch. In einer Absolutität gelebt, kann dies jedoch fatale Auswirkungen auf diesen Menschen haben – in einer dauernden und nicht überwindbaren Überforderung kann er sich selbst verlieren, kann einfach verloren gehen.
Auch aus buddhistischer Sicht ist ein solches Verhalten grundsätzlich ja nicht falsch. In der Geistesschulung, der Meditation jedoch, geht es zuerst um mich: … in Betrachtung des Körpers, der Gefühle, des Geistes und der Geistesobjekten … Erst nachfolgend gehen diese Betrachtungen nach aussen. In der Metta-Meditation geht es ebenfalls zuerst um mich, indem ich Wohlwollen und Liebe gegenüber mir selber entwickle, bevor ich dies allumfassend Allen widme. Die Selbstfürsorge ist im buddhistischen Kontext immer etwas Zentrales, damit ein „gesundes Selbst“ für andere da sein kann. Auch andere kulturelle oder spirituelle Richtungen, z.B. das Christentum weist auf derlei hin: … Liebe deinen nächsten wie dich selbst …
Die Gleichung, dass ich nur durch eine gesunde Eigenliebe auch Liebe anderen Menschen entgegenbringen kann, ist mir auch bekannt.
Diese, wie viele andere Beispiele, weisen darauf hin, dass die eigene Person wichtig ist und sich auch entsprechend positionieren darf und soll. Ich kann das alles verstehen, ich kann es kognitiv erfassen. Emotional ist eine Selbstliebe oder ähnliches einfach nicht fühlbar und auch nicht wichtig – es geht nicht um mich, mein Sein ist nicht relevant, ich bin nicht wichtig oder notwendig. Ob ich bin oder nicht, ist unwichtig. Wichtig ist das Geben und Leisten. Mein Sein ist zufällig und ersetzbar.
Mein Glaubenssatz bringt es mit sich, dass ich Erwartungen Anderer, seien diese konkret oder von mir vermutet, zu erfüllen habe, ohne zu hinterfragen ob diese auch meinen Bedürfnissen entsprechen oder überhaupt Erwartungen vorhanden sind bzw. erwünscht werden. Dass es dabei immer wieder zu Enttäuschung kommt, einerseits weil nicht alle Erwartungen erfüllt werden können oder andererseits gemeinte Erwartung zu erfüllen versucht werden, welche gar nicht vorhanden oder erwünscht sind, ist unausweichlich. Diese wiederkehrende Bestätigung von Versagen und Nichtgenügen untergräbt das bereits geringe oder geschädigte Selbstvertrauen zunehmend. Um dennoch zu überleben muss mein Selbst durch eine verbesserte, intensivere Schauspielerei als Macher und Könner, als Leistungserbringer kompensiert werden. Und schon wieder ist ein zusätzlicher Aufwand da, der sich zur bereits vorhandenen Überforderung gesellt.
„Gut genug“ ist erst, wenn ich nicht mehr kann, wenn ich keinen Entscheidungsspielraum mehr habe. Und immer bleibt das Gefühl bestehen, nicht perfekt zu sein, mehr und besser wäre noch möglich – es ist einfach nie gut genug.
… Alles beginnt im Geist …
Diese Zeilen habe ich in Ich-Form geschrieben. Vielleicht erkennst Du Dich darin und möchtest Dich dazu äussern. Tue es, ich würde mich freuen.
11.05.2021 / mmb
Hinterlasse einen Kommentar