Depression – Einsames Leiden

Die Depression ist ein «Galaktischen Schwarzes Loch». Alles was in seine Gravitation gerät, kann dem Sog nicht mehr entfliehen, wird auseinandergerissen, löst sich auf, existiert nicht mehr als das was es ist. 
Meistens findet sich hinter dem Schwarzen Loch eine neue Galaxie, erneutes Leben, erneutes Sein. Nicht zu übersehen ist jedoch: es kann auch zum Ende jedes Seins werden. Darum ist es existenziell, dass der Mensch in seiner psychischen Erschütterung nicht allein gelassen wird, dass der Mensch in seinem Schwarzen Loch eine empathische, verständige Begleitung hat.

Für depressiv leidende Menschen ist das Dasein ein Zustand in einem Dauerstress, auch wenn von aussen vielfach das Gegenteil wahrgenommen wird. Geist und Körper befinden sich in einem Ausnahmezustand. Die Reduzierung der Depression auf eine rein psychische Erschütterung ist nicht mehr haltbar, weil Körper und Geist nie getrennt werden können. Somatische Störungen können vielmals zu einer psychischen Erkrankung oder Depression führen, wie eine psychische Erschütterung vielfach zu körperlichen Reflexen Anlass gibt. Eine depressive, psychische Erschütterung ist immer noch mit vielen Rätseln verbunden.

Das Verstehen des depressiven Leidens geht einher mit dem Verstehen des leidenden Menschen. Zu meinen, man kennt, versteht sein Gegenüber, ist eben eine Meinung. Den Mitmenschen zu verstehen, zu kennen ist ebenso ein Irrtum wie zu meinen, eine psychische Erschütterung verstehen zu können. Ansonsten könnte klar und widerspruchsfrei der Geist, die Psyche irgendwo verortet, beschrieben werden. Sich die Mühe nehmen, einen Menschen, hier insbesondere einen depressiv leidenden, verstehen zu können, ist eine Herausforderung, die in der heutigen, schnelllebenden und einer von überbordenden Einflüssen belasteten Umwelt kaum zu bewerkstelligen ist. Wer findet schon die Zeit, sich selbst zu erkennen, zu finden?

Ohne das zeitintensive und emotional belastende Einfühlen in die ausserordentliche Lebenssituation, in das Geschehene und Vergangene, in die zerrissene und verschüttete Gefühlswelt, in die Ängste, in die Verlorenheit des Selbst, in die Sinnlosigkeit des Daseins eines depressiv leidenden Menschen, ist ein Verstehen nicht möglich. Und dann passiert das, was eben nicht sein müsste: der leidende Mensch macht sich wieder zum Schuldigen, weil sein Gegenüber nun selbst überfordert ist, das eigene Verhalten ist wieder falsch, ist wieder nicht genügend, ist wieder eine Belastung – eine erneute Bestätigung seines Unvermögens. Die «Gewissheit», dass man nicht genügt, wird bestätigt. Zu Sein wird immer mehr in Frage gestellt, wird zu einer Sinnlosigkeit. Die Angst gegenüber Menschen und ihren «Bewertungen» und «Forderungen» nimmt Gestalt an, ergreift immer stärker und mächtiger vom depressiv Leidenden Besitz. Es ist daher kaum verwunderlich, wenn sich ein ehemals offener, kommunikativer, zugewandter, interessierter, engagierter, leistungsorientierter Mensch immer mehr zurückzieht, isoliert und in vielfacher Hinsicht einfach überfordert fühlt, seinen eigenen, überhöhten Ansprüchen zu genügen. Die positiven und angenehmen Gefühle, das Selbstwertgefühl, das Selbstbewusstsein, die Erfolge sind bereits durch die Gravitation des Schwarzen Lochs aufgelöst. Was noch übrig bleibt und die Dunkelheit aufhellt, dem wird mehr und mehr das Licht entzogen; es wird dunkel, gefühllos, sinnentleert.

Der Umgang, das Zusammenleben, die Gesellschaft mit einem depressiv leidenden Menschen mag schwierig und belastend sein. Um zu überleben, und nur darum geht es ihm, wird das Umfeld, die Umwelt, das Sein zu einem permanenten Überlebenskampf. Es geht nur noch darum, die nächste Zeit – nicht Stunden, Tage – der nächste Augenblick zu überstehen, leben zu wollen oder müssen. Sein Denken dreht sich immer und immer wieder um das Warum und das Wieso, Bewerten, Vergleichen, den Sinn und das Sein zu hinterfragen, um schlussendlich festzustellen, nicht zu genügen, zu versagen oder versagt zu haben, eine Belastung zu sein.

Die «Reise» durch ein solches Schwarzes Loch kann eine kurze oder auch eine längere Zeit dauern, kann heftig oder grausam sein. Es ist jedoch auch möglich, dass der Mensch darin verloren geht, ewig darin rotiert, oder gar darin vergeht. Einige schaffen die Reise allein, viele andere jedoch benötigen helfende, unterstützende und mitfühlende Mitmenschen, aber keine besserwissende, schönredende, kritisierende, verharmlosende, angstschürende oder moralisierende.

Eine emotionale, intime Beziehung mit dem depressiv leidenden Menschen ist sehr anstrengend, vielleicht sogar unterbrochen, und ist mit Verletzungen und viel Verzicht für den oder die PartnerIn verbunden. 

Ich will Dich nicht verletzen oder mich emotional oder intim von Dir entfremden. Ich kann zurzeit nicht anders, ich habe keinen oder nur sehr eingeschränkten Zugang zu meinem Verhalten, zu meinen Gefühlen, zu meinem Verlangen, zu meiner Motivation … zu mir selbst. Vieles ist verschüttet oder im Dunkeln verborgen. Nicht, ich will nicht, ich kann jetzt noch nicht.
Wenn Du auf mich warten kannst, Geduld für meine psychische Erschütterung aufbringst, mir die Freiheit gibst zu gehen, wenn ich gehen muss … wenn Du da bist, wenn ich wieder aus meinem Schwarzen Loch herausfinde, dann leuchtet mir Dein Licht den Weg. 
Bitte gib mir die Zeit und nimm Dir Deine Zeit. Und wenn es Dir möglich ist und Du es möchtest und willst, würde ich Dich auf meiner Reise durch mein Schwarzes Loch sehr gerne neben mir spüren und fühlen, zu wissen: Du bist da.

Vieles bleibt liegen oder wird nur zögernd, langsam, schleppend erledigt. Was als apathisch oder desinteressiert erscheint, ist lediglich die Orientierungslosigkeit im Schwarzen Loch, das Suchen nach Licht und Sinn, das Rennen im geistigen Hamsterrad der Sinnlosigkeit. 

Glücksgefühl, Liebe, Freude, Spass sind einige der Gefühle, die ein depressiv leidender Mensch nicht oder kaum noch erfahren und fühlen kann. Das heisst aber nicht, dass diese nicht mehr vorhanden sind; sie sind in der Dunkelheit nicht sicht- und fühlbar, durch Angst, Unsicherheit, Sinnlosigkeit und den täglichen Überlebenskampf verschüttet.

Bewerte, kritisiere, dränge oder verurteile einen depressiv leidenden Menschen nicht. Seine Schuldgefühle für sein «Versagen», für sein «unsinniges Dasein» sind schon übermächtig und existenzgefährdend. Der tägliche Überlebenskampf hat genug Stresspotenzial, um eine Sicherung durchbrennen zu lassen. Nicht zu genügen ist während der depressiven Lebensphase bereits Realität, sie muss nicht noch bestätigt werden. Was dieser Mensch benötigt ist Beistand, Sicherheit, Stütze, Vertrautheit, Rückzugsmöglichkeiten, Sinnhaftigkeit, Struktur und viel Verständnis. 

Begleite einen depressiv leidenden Menschen ausserhalb seines Schwarzen Loches. Versuche nicht ihn hinaus zu zerren oder hinaus zu stossen; es könnte ihn wie dich zerstören oder dauerhaft beschädigen, wie auch die gemeinsame Beziehung. Geh nicht zu nahe an dieses Schwarze Loch, zum Schutz Deiner selbst. Begleite den Menschen und erwarte ihn am Ausgang mit Licht, Wärme, Zuneigung und Freude, um gemeinsam eine neue Galaxie zu erschaffen. 

Die Vergangenheit kann ich nicht verändern, die Zukunft kann ich nicht voraussehen, ich kann nur im Hier und Jetzt sein – und ursächlich für das Wirken von morgen handeln. Und manchmal benötige ich dazu liebevolle, verständnisvolle Unterstützung und Begleitung.

Alles beginnt im Geist. Halten wir unseren Geist gesund und pflegen ihn achtsam, wenn er krank ist.

15.04.2021 / mmb


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