… Das humanistische Bild des Denkens stellt auch den Rahmen für ein selbstherrliches Verhältnis des Menschen zu sich selbst dar, in dem das herrschende Subjekt sich bestätigt sieht sowohl in seinen Wesensmerkmalen wie auch in dem, was er als „Andere“ ausschliesst …
(Rosi Braidotti, Posthumanismus)
Können wir uns noch auf die vermeintlichen Wahrheiten des Humanismus wie der Aufklärung abstützen? Sind diese in Europa entwickelten Denk- und Verhaltensweisen noch zeitgemäss und gültig?
Ich wage diese Fragen, mit Blick auf den Zustand in der sich unser Lebensraum befindet, eher mit Nein zu beantworten und fühle mich damit überhaupt nicht wohl. Seit einiger Zeit setze ich mich etwas näher mit meinen Glaubenssätzen und meiner Denkweise auseinander. Je mehr ich meine Verhaltensmuster wie Denkweise beobachte und überprüfe, wachsen meine Bedenken und bestärken mich dabei diese radikal zu ändern. Es ist mir bewusst, dass mir dies vielleicht in diesem Leben nicht mehr gelingen wird. Ebenfalls mache ich mir keine Illusionen, dass ich dabei wenig Verständnis erwarten kann. Insbesondere in unserem Kulturkreis, wo der Humanismus und der Anthropozentrismus derart in Geist und Blut übergegangen ist, scheint eine Reform dieser dogmatischen Denkweise zurzeit kaum möglich. Auch wenn sich die menschliche Spezies alles andere als humanistisch verhält? Das Denken und Handeln widerspricht sich hier offensichtlich.
Im jetzigen Erdzeitalter, dem Anthropozän, ist die Natur vollkommen in die Kultur übergangen. Der Mensch hat, zumindest auf der Erdoberfläche, jeden m2, jede Erhebung und jede Ritze betreten und besetzt, zum Kulturgut gemacht. Die Tiefe der Weltmeere und Seen werden, soweit nicht bereits geschehen, kontinuierlich für die menschlichen Zwecke erforscht. Der Luftraum ist angefüllt mit schädigenden Treibhausgasen und wird beherrscht von Fluggeräten jeder Art. Aus dem nahen Weltraum steigt die Gefahr, von in unseren Lebensraum eindringendem menschlichen Weltraumschrott oder Waffen getroffen oder zerstört zu erden, immer mehr. Die Natur ist zu einem für den Menschen verwertbares Produkt reduziert. Es gibt keine Natur mehr, nur noch kulturelles Gut, vom Menschen domestiziert, vereinnahmt, gestaltet, zum Verwerten gehegt und, wenn kurzfristiger Gewinn absehbar, zerstört. Parallel dazu verläuft die Entwicklungskurve der technischen Innovation steil nach oben mit dem nicht auszuschliessenden Zweck, die natürlichen Ressourcen vollständig zu nutzen bzw. zu verbrauchen oder als nicht mehr notwendig zu marginalisieren, zerstören, die geistigen Fähigkeiten des Menschen und anderen nichtmenschlichen Lebewesen in biologisch unabhängige Geistessubjekte zu transformieren, welche sich selbständig stetig „geistig“ weiterentwickeln und in noch unvorstellbare Dimensionen wachsen (siehe u.v. Raymond „Ray“ Kurzweil).
In Anbetracht der obigen Tendenzen ist meines Erachtens die Denkweise radikal zu ändern. Das humanistische, anthropozentrische Denkmuster ist zu überwinden, zu transformieren. Die Klassifizierung bzw. Priorisierung in Mensch und Nichtmensch, Kultur und Natur ist nicht mehr haltbar und führt alles Lebende in den Abgrund, diesen Planeten in den biologischen Exit.
Wer und was ist das „Wir“? Gibt es das „Wir“ und die oder das „Andere“? Was wären „Wir Menschen“ ohne die uns lebenserhaltende Umwelt? Ist das „Wir“ demnach nicht universell, allumfassend zu definieren? Ist nicht jede Existenz, jede Entität, jede Realität oder was auch immer wir Menschen als physisches oder nichtphysisches Ding benennen, demnach im „Wir“ enthalten, wie auch und insbesondere Energie?
Ich denke, dass das „Wir“ zu eng gefasst ist und dass das Menschsein nicht das Mass aller Dinge ist. Der Mensch ist lediglich ein Bestandteil des „Wir“, eine Entität von unfassbar weiteren, bestehend und entstanden aus denselben Grundelementen des Universums. Auch erschaffene, also nicht geborene, Dinge bestehen als dem- oder denselben Grundelement/en … und Energie.
Wie verhält sich das Bewusstsein, der Geist zum „Wir“, zum jeweiligen „Ding“? Was ist und aus was besteht Geist? Ist Geist eine Entität, eine Existenz? Aber wo ist es dann? Ist Geist allein „Lebendem“ innig und individuell? Kann etwas Erschaftes Geist und Bewusstsein haben oder entwickeln?
Was entsteht, vergeht auch wieder und trotzdem bleibt das Grundelement des Entstehens zurück um als etwas Neues wieder zu entstehen. Was passiert nun mit etwas, was kein „Ding“, keine Entität als solche ist, z.B. Bewusstsein oder Geist? Kann etwas, was kein Ding ist, je vergehen? Kann es sein, dass das Geistige im Grundelement des Entstehens enthalten ist und bleibt, z.B. in Form von Energie, und so dann universell vorhanden?
Körper und Geist bilden eine Einheit. Kein lebender Körper – Kein Geist. Stimmt das so absolut? Geistige Aktivität erzeugt Energie und ist messbar. Diese energetische Reaktion nun zu „entschlüsseln“ und „lesbar“ zu machen eröffnet die Möglichkeit, diese „lesbare Energie“ auch zu verändern und zu transformieren. Ich gehe davon aus, dass die technische Entwicklung auch eine Lösung finden wird, um „lesbare Energie“ zu erfassen und permanent zu erhalten sowie mit anderen Energiequellen zu vernetzen. Ist das dann der Zeitpunkt, wo die heutige „Wahrheit“, dass Geist und Körper eine Einheit bilden, widerlegt wäre?
Was könnte eine solche Entwicklung bedeuten? Der Geist, das Geistige bräuchte dann keinen lebenden biologischen Körper mehr, sondern allein Energie. Welche Funktion bzw. Daseinssinn hätten dann noch Lebewesen? Und diese Frage führt mich wieder zurück zum Jetzt.
Wir können weder die Vergangenheit verändern noch die Zukunft voraussehen. Was wir können ist im Jetzt leben. Was wir heute tun formt die Zukunft – das Morgige. Ursache und Wirkung eben. Es liegt also in unserer Hand bzw. in unserer Denkweise und unserem Tun, was morgen sein wird. Die Weigerung, die zerstörende humanistisch-anthropozentrische Denk- und Handlungsweise zu verändern und das „Wir“ allumfassend zu verstehen, wird zu einer Marginalisierung oder Auslöschung des biologischen Leben, führen. Das „Wir Menschen“ wird immer mehr auf die eigene zugewandte Gruppe eingeschränkt und alles „Andere“ als Gegner bekämpft. Dass damit das Denken hinsichtlich einer Anerkennung des „Wir“ bzw. Verbindung mit nichtmenschlichen Spezies, technisch anorganischen und patentierten Geschöpfen und intelligenten Maschinen nicht möglich sein wird, ist kaum verwunderlich. Doch um die nicht auszuschliessenden Gefahren eines technisch anorganischen Transhumanismus zu erkennen, ist eine Trans- und posthumanistische Denkweise unerlässlich.
Denken kann gefährlich sein, ist aber sicher anstrengend. Nicht-Denken ist wie lebendig tot. Anderes Denken ist spannend und fördert den Geist.
29.03.2021 / mmb
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